Urs Sibler, Stans 2005

 
Malerbilder

Eine grossformatige Malerei von Thomas Muff aus dem Jahr 2004, wie alle seine Werke ohne Titel. Sie ist aus zwei Teilen zusammengefügt, die übereinander stehen. Auf dem unteren quadratischen Teil locker mit dem Pinsel gezogene Kringel, weissliche, transparent graue, ein schwarzer. Ein Teil der Kringel ist von Schlieren überzogen, aus denen Rinnspuren laufen. Von diesen Kringeln umspielt eine Art Blütenbouquet, lindgrün und kobaltviolett.
Es sind Schüttungen des Künstlers mittels terpentinverdünnter Ölfarbe. Die ausgesparten Zentren sind auf gezieltes Blasen zurückzuführen, durch das sich die Farbe auf dem Bildgrund, einer Spanplatte, verteilte. Flockig wolkige Gebilde entstanden, die stellenweise ineinander fliessen, ausfransen. Vom rechten unteren Bildrand her drückt rotglühende Lava ins Bild, die sich bis zur linken oberen Ecke dieses Bildteils verliert und von aschfarbenen Pinsellinien abgelöst wird. Hier stösst der Ausläufer einer hellen Gitterstruktur, die das aufgesetzte Rechteck dominiert, in den bewegten unteren Teil vor.
Lattenzaun, Architekturfragment, aber auch Begriffe wie Ordnung, System oder Halt sind mögliche Assoziationen. Ein kühler grünspaniger Grund kontrastiert oder gesellt sich zum Lindgrün der "Blüten". Kontraste, die sich nicht bekämpfen, sondern die sich zu einem spannungsvoll ausgewogenen Ganzen fügen, freie und strenge Partien, die vom Nebeneinander zum Miteinander finden, Zusammenstösse an der Schmerzgrenze, die in einvernehmlichem Schulterschluss enden: Indem sich Thomas Muff mit bildnerischen Fragen beschäftigt, malerischen Anliegen nachgeht, macht er verbindliche Aussagen zu gesellschaftlichen Phänomenen. Er übersetzt mit seiner abstrakten Sprache Realität in Malerei, ohne abzubilden, ohne Illusionen zu schaffen.

Damit solche Werke entstehen können, die irritieren und betören zugleich, ist die Beherrschung des malerischen Handwerks unabdingbar. Dass Thomas Muff auch riesige Formate bewältigt, bewies er mit der achtteiligen Arbeit von 1999 im Foyer der Turnhalle auf dem Bruchareal in Luzern. Auch hier betrieb er eine Malerei, bei der nicht Inhalte, Abbilder der Realität oder die Illustration von Geschichten als Ausgangspunkte dienen, sondern das Material Farbe, das Erproben von Techniken und Werkzeug, Spiel und Experiment, Intuition und Wagnis, das Ausloten von Grenzen.
Lote senken, Sonden anbringen, Stollen treiben, solche Assoziationen weckt ein quadratisches Bild von 2004. Von den Rändern her hat Thomas Muff unsägliche Unfarben über den Bildträger geschüttet, verschiedene Beigeabstufungen bis zu Packbandbraun. Stellenweise drückt schwaches Grün durch. Rinnspuren bilden in der linken oberen Ecke ein Netz. Fantastisch gelungen ist eine senkrecht stehende Schüttform, die oben in einem halbrunden Kamm ausläuft. Dieser fragile Stalagmit ruft einer karminroten Sonde von oben auf der anderen Bildhälfte, streng geometrisch und ebenfalls mit rundem Abschluss. Stabilisiert wird die Komposition durch zwei weitere Sonden, die einander gegenüber von unten und oben weniger tief ins Bild vorstossen. Lapidar und spannungsvoll zugleich begleiten diese drei Konstrukte den "gewachsenen" Stängel. Formale Probleme sind in Freiheit gelöst, eine austarierte Harmonie hergestellt. Und schliesslich beginnt man gar die Unfarbe zu lieben oder zumindest zu respektieren. Ein moralisches Bild, beziehungsweise ein Bild mit Moral - warum nicht auch?
Ausser Gittern, Sonden, Balken, Kreuzen und Pfeilen tauchen am häufigsten Rundformen in Thomas Muffs Bildern auf: Kreise, Kreisringe, Ovale. In der Reihung können sie als Code gesehen werden, den es zu knacken gilt. Kompositorisch sind sie als Begleitung oder Kontrapunkt zu den chaotischen Bildelementen gesetzt. Sie bauen eine Ordnungsebene über geschütteten oder mit Pinsel, Lappen oder Rakel gezogenen Gründen. Teils sind sie nur als Negativform präsent, teils als Umriss, als Abdrucke des Kessels oder der Büchse, die als Schablone dienen. Am häufigsten malt sie der Künstler aber aus, freihändig und folglich mit kleinen Unregelmässigkeiten. Auf einzelnen Bildern sind die Kreise mit vielen Pinselstrichen von der Peripherie ins Zentrum gemalt. Ist die Farbe ausnahmsweise ein strahlendes Gelb, entstehen gar lauter Sonnenscheiben oder Schmuckmedaillons.

Kräftige klare Töne, wie sie in den Bildern der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre vorherrschten, reines Rot, Blau, Gelb, Weiss, Schwarz, sind fast ganz aus den aktuellen Malereien verschwunden. Mischtöne, Zusammengeschüttetes, Verdünntes herrschen vor. Die saugenden Spanplatten bleiben auf einzelnen Bildern partienweise ungrundiert, werden gar nicht oder nur lasierend bemalt. Nicht Schönheit ist das Ziel von Thomas Muffs Malerei, sondern Wahrhaftigkeit. Die Methode bringt den Inhalt, den Gehalt der Bilder hervor. Weil diese Wahrhaftigkeit nur mit Lauterkeit und Offenheit einher gehen kann, zeigen Muffs Werke dem Betrachter alles, bleiben klar und verbindlich, geben nicht mehr aber auch nicht weniger vor als sie sind: bildnerische Erfahrungen, malerische Entdeckungsreisen eines konsequenten Künstlers.
Diese Konsequenz kommt in zwei Grossformaten von 2003 zum Ausdruck. Auf beiden hat Thomas Muff eine Partie am oberen Bildrand, die ihn nicht befriedigte, aufgelöst in eine Art Ursuppe. Die Bestandteile des Gerichts sind im unteren grösseren Bildteil offenkundig, während sie im "gemixten" Streifen gerade noch zu erahnen sind. Aus diesem Gemenge liessen sich wohl neue Bilder generieren, die wiederum anderen Eingriffen des Künstlers ausgesetzt wären. Man möchte Thomas Muff den Satz in den Mund legen, den der inzwischen verstorbene Luzerner Maler Heinrich Giesker im Band "Einsichten" von 1985 als einzigen eines Statements über seine Arbeit stehen und gelten liess: Es bleibt beim Malen.


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