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Thomas Muff - Förderpreis der Gemeinde Kriens
Museum im Bellpark, Kriens, 4. November 2007
Wozu brauchen wir Bilder? "Ohne sie keine Weltvermittlung und kein Lebensgefühl"1), heisst es in Peter Handkes "Bildverlust". "Aber insbesondere in dem vergangenen Jahrhundert sei ein Raubbau an den Bildern betrieben worden wie noch nie. Und so sei die Bilderwelt aufgebraucht - ausnahmslos blind, taub und schal geworden - von keinerlei Wissenschaft mehr aufzufrischen."2)
Die Anschauung ist seit langem dabei, die Vorstellung zu verdrängen. Wir meinen nur noch zu wissen, was wir sehen. Ein Bild gilt uns als Beweis, selbst wenn wir ausreichend Beispiele für die Unzuverlässigkeit und Manipulierbarkeit von Bildern kennen. Die Kunst hat an diesem Vorgang ihren eigenen Anteil: Erst magische Beschwörung von Abwesendem, dann die täuschende Nachahmung von Wirklichkeit, später die Erzählform für unfassliche Geschichten und am Ende, mit dem Vordrängen der Fotografie, wandte sie sich der Abstraktion zu, dem abbildfreien Bild, das die Vorstellung gleichzeitig provoziert und im Stich lässt.
Dem Raubbau an den Bildern setzt die Kunst ihre eigenen Bilder entgegen. Bilder, die ihre vorgebliche Bestimmung, Information sichtbar zu machen, verleugnen und dafür ihre Absicht, die Imagination zu beleben, betonen. Bilder, die wir der Kunst zurechnen, enttäuschen sehr oft unsere Erwartung, zu wissen, was wir sehen.
Nicht anders mag es uns mit den Bildern von Thomas Muff ergehen. Gewöhnt, durch die Anschauung eines Wissens habhaft zu werden, fragen wir uns vergeblich, was hier anschaulich wird. Diese Bilder bieten uns kaum Informationen an. Sie zeigen sich uns als Akkumulation von Farben und Formen, lassen uns im Ungewissen darüber, was wir sehen.
Natürlich können wir beschreiben, was uns vor Augen kommt: Wellen und Linien, Kreise und Ovale, geometrische Formen, präzis gezogen. Daneben freie, fliessende und ausrinnende Farbwolken, die Pflanzenformen annehmen oder gestaltlos wuchern, die vielleicht vage an Schemen aus unserem gewaltigen Schatz an Bildeindrücken erinnern. Solche Formungen setzen unser Erkennen in Gang: Wir suchen nach Assoziationen und Anknüpfungspunkten an Bekanntes, versuchen, was uns unbekannt erscheint, zu deuten.
Wir sind dabei, von der Ansicht, dem Anschein des Bildes zu seinem Gehalt überzugehen, vom blossen Sehen zur Wahrnehmung. Wahrnehmen heisst, ein Bild erkennen, über seine Oberfläche hinaus in seine Tiefe zu gelangen. Das, was die Sinne anspricht, will gesehen, das Gesehene aber auch erkannt werden. Nicht nur nach seiner Übereinstimmung mit unserem angesammelten Erfahrungs- und Bildervorrat, nicht nur nach seiner Ähnlichkeit oder Differenz zu den Erscheinungsformen des Wirklichen. Es will erkannt werden nach dem, was wir noch nicht wissen, obwohl wir es sehen.
"Das Kunstwerk ist", sagt Jean-Christophe Ammann, für den die Kunst dort beginnt, wo der Geschmack aufhört, "ein sinnlich wahrnehmbarer Denkgegenstand. Das heisst, indem ich es wahrnehme, löst es ein Erkennen in mir aus, das über die Wahrnehmung allein durch die Sinnesorgane hinausgeht."3)
Bevor wir uns im Denken verlieren, kehren wir zur Anschauung zurück. Die Bilder von Thomas Muff entstehen in der Horizontalen. Der Künstler legt seine Holzplatten auf den Atelierboden, greift zur terpentinverdünnten Ölfarbe und giesst sie auf die Fläche. Wie sich die Farbe ausbreitet, darüber lässt er den Zufall entscheiden. Oder er hilft nach, indem er die Tafel ergreift, hier hochhält, dort senkt und die Farbe so ihren Weg über die Fläche suchen lässt. So entstehen die freien, fliessenden Formen. Sie begegnen, sei es im selben Bild, sei es auf einer zweiten Tafel, die Thomas Muff an die erste anfügt, exakt begrenzten Formen, geometrischen Mustern oder, in den jüngeren Bildern, Konturformen, die sich als Gebüsch, als Haus oder als der Umriss eines spielenden Kindes erkennen lassen.
Erkennen, habe ich gesagt. Das Wort trifft zu und auch wieder nicht. Thomas Muff zeigt etwas, das er im Zeigen zugleich wieder verbirgt. Er hat Fotografien aus seiner Kinderzeit auf die Bildfläche projiziert, die Konturen nachgezeichnet und danach im Stil eines Schattenrisses diese Konturen als Farbfläche ausgemalt: mit unregelmässigen Pinselzügen, in pastos aufgetragener Farbe, die den Schattenwurf aus der Vergangenheit plastisch hervortreten lässt und beinahe zum Relief erhöht.
Seien es die geometrischen oder präzis begrenzte freie Formen, die als Ordnung und Regel die ungeordnete, regellos sich ausbreitende Farbe sowohl betonen wie in die Schranken weisen, seien es die Schattenwürfe alter Fotografien: Thomas Muffs Bilder leben von den Gegensätzen. Es sind dialektische Bilder, die Widersprüchliches zu einer Einheit, einer Aussage zwingen, so vielstimmig und mehrschichtig sie auch sein mag. Was auseinanderstrebt und sich befehdet, findet in dem einen Bild zusammen.
Thomas Muffs Malerei ist voller Intensität. Die Auseinandersetzung hat die Bilder aufgeladen, die Kräfte wirken noch nach, drohen hier und dort das Bild auseinanderzureissen und zu sprengen. Wenn man nur lange genug hinschaut, nicht schon weiss, bevor man gesehen hat, nimmt man die Energien wahr, die in dem Bild festgebunden sind und fortwirken. Malen ist für Thomas Muff eine Form, Leben wahrzunehmen, seine Existenz zu realisieren. Indem er malend über das Malen nachdenkt, Farben setzt, sie nach ihrem Verhalten zu den Nachbarfarben, den darunterliegenden Farbschichten befragt, erkundet er sich selbst, erkennt, vielleicht nicht einmal im bewussten Reflektieren, aber im Vorgang des Malens, auf das er sich ganz einlässt, seinen Bezug zur Gesellschaft, seinen Ort zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Es gibt, sagt Jean-Christophe Ammann, das Neue in der Kunst nicht mehr: Alles ist schon einmal dagewesen. Auch alle Bilder? "Die Aussage, dass es nichts gibt, was es nicht schon gegeben hätte, schliesst das innovative Moment keineswegs aus. Denn jeder Künstler muss zuerst den Weg schaffen, den er beschreitet."4)
Der Weg, den Thomas Muff mit einer Konsequenz beschreitet, die es immer wieder wagt, Erreichtes aufzugeben und neue Fragen zu stellen, andere Antworten zu suchen, führt wie seine Bilder ins noch Offene und Unbekannte.
Brauchen wir Bilder? Und wozu? Davon sind wir ausgegangen. In der Überfülle der Bildinformationen, die uns gefragt und ungefragt tagtäglich von allen Seiten überschwemmen, brauchen wir gerade solche Bilder, wie sie Thomas Muff schafft. Es sind Bilder, die uns das Sehen lehren und im Sehen das Weitergehen zur Wahrnehmung und zum Erkennen. Wie der Künstler im Malen sich mit sich selbst auseinandersetzt, so geben uns seine Malereien Gelegenheit zur Selbsterkenntnis. Wie gehen wir um mit dem Offenen und noch nicht Erkannten? Wie beleben wir unsere Vorstellung und nicht nur das Wiedererkennen?
Thomas Muffs Bilder schaffen eine eigene Bildwirklichkeit. Sie steht im Austausch mit unserer gewöhnlichen und alltäglichen Lebenswirklichkeit und lässt uns mit geschärfter Aufmerksamkeit auch dieses Alltägliche besser sehen. Solche Bilder brauchen wir, um dem schal und blind und taub gewordenen Überfluss der vielfach reproduzierten Abbilder eine lebendige Vorstellung entgegenzusetzen. Wie sonst sollen wir diese Vorstellung entwickeln und nähren?
Der Künstler Thomas Muff lässt uns an seinem Weg, den er sich selber erschafft, teilhaben. Er setzt uns nicht simple Antworten vor, sondern gibt uns Gelegenheit, das Offene zu erkunden. Anhand seiner Bilder, die in sich die Dialektik von verfestigt Geformtem und ungestalt Freiem austragen, in Farben und Formen das Spiel und Widerspiel von Chaos und Ordnung zur Anschauung bringen, erfahren wir, was es heisst, sein Leben zu führen und die Zeit zu bestehen.
1) Peter Handke: Der Bildverlust. Roman. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002. S 574.
2) Ebda.
3) Jean-Christophe Ammann: Bei näherer Betrachtung. Zeitgenössische Kunst verstehen
und deuten. Frankfurt am Main: Westend 2007. S. 11.
4) Jean-Christophe Ammann. A.a.O. S. 201.
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